Yelena Gans

Es ist das Jahr 2115: Überall sind Drohnen, der Mars ist blau und die neuste Mode reinigt sich selbst. Auf der Weltausstellung erfährt die Privatdetektivin Yelena Gans, dass der Lieblingsstreamer ihres Enkels in Lebensgefahr schwebt. Bei dem Versuch, die Internetberühmtheit zu retten, wird sie in den Diebstahl einer mysteriösen Maschine verwickelt. Während der Ermittlung wird sie nicht nur verhaftet, sondern muss sich auch noch gegen eine Hochstaplerin durchsetzen. Als die Maschine gemeinsam mit den Dieben und ihrem Enkel verschwindet, muss Yelena alles geben.

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»Tickets, bitte«, erklang eine elektronische Stimme aus dem Lautsprecher. Yelena kramte ihr Smartphone aus der Tasche und öffnete die Ticket-App. Sie stand mit ihrem Enkel im Eingangsbereich der Messe, und nur eine bläulich schimmernde Barriere trennte sie von der berühmten Weltausstellung. Als sie den Code vor einen der Scanner hielt, umfasste sie das Smartphone sorgsam, denn ihre Finger waren noch taub von der Kälte draußen. Zwei Sekunden später wurde die Wand durchlässig und ließ sie passieren.

»Komm schon, Oma! Es gibt so viel zu sehen«, rief Nicholas und eilte voran. Sein achter Geburtstag war erst wenige Wochen her und er trug die Kraft der Jugend in den Beinen.

Mühelos folgte die 128-Jährige ihrem Enkel in einen breiten Gang. Das Quietschen und Knarren ihrer künstlichen Gelenke ignorierte sie dabei. Bereits nach wenigen Metern blieben ihre Beine allerdings ruckartig stecken, sie rutschte zwei Schritte über den Boden und ruderte dabei mit den Armen in der Luft. Schnell verlagerte sie ihr Gewicht und ging in die Hocke, um sich am Boden abzustützen. »Warte bitte, Nicholas! Meine Hüfte klemmt wieder.«

Er verlangsamte seine Schritte und sah besorgt zurück. »Schon wieder, Oma?«

Sie seufzte und klopfte gegen das blockierte Körperteil, was ein dumpfes Geräusch verursachte. Das passierte in den letzten Wochen andauernd und jedes Mal fühlte es sich an, als würde ein Teil ihres Körpers versteinern. Sie hätte schon längst den Implantologen aufsuchen sollen, aber war zu beschäftigt gewesen. Wie gewöhnlich half das Klopfen und ihre Hüfte bewegte sich wieder wie eine angeborene. »Mach dir keine Sorgen, funktioniert wieder. Lass uns weitergehen.«

Bald öffnete sich der Gang zu einer weitläufigen Halle und Yelena musste stehen bleiben, um den Anblick auf sich wirken zu lassen. So viele Menschen auf einmal hatte sie schon lange nicht mehr gesehen. Die Massen schoben sich voran und ließen nur eine grün markierte Spur am Rand frei, die von einem Ende zum anderen führte. Zwei E-Roller rasten darauf in halsbrecherischer Geschwindigkeit an Yelena vorbei und verschwanden schnell wieder. Das Stimmgewirr war so laut, dass es das Sirren der Drohnen fast übertönte. Die fliegenden Roboter bewarben vor allem Attraktionen – die Archäologie des Mars‹, die Geheimnisse der Weltmeere und das Leben im All – aber auch kommerzielle Produkte.

Jemand drängte sich an ihr vorbei und verschwand in der Menschenmenge. Endlich löste Yelena ihren Blick von dem Drohnenspektakel und sah sich nach ihrem Enkel um. Erleichtert atmete sie auf, als sie ihn wenige Schritte entfernt entdeckte. Sie trat zu ihm und nahm seine kleine Hand, die deutlich dunkler war als ihre eigene.

»Oma, ich bin doch schon groß. Wir brauchen nicht Händchen halten.«

Sie deutete auf die Menge. »Schau mal, wie viele Leute hier sind. Da kann man sich ganz schnell verlieren.«

Nicholas sah sich um. »Na schön, aber nur da, wo viele Leute sind.«

Sie lächelte und wuschelte ihm durch das schwarze Haar, das er eindeutig von seinem Vater hatte. »Natürlich doch. Also, wo möchtest du zuerst hin, Nicholas? Ich schwanke zwischen dem Mars und den Weltmeeren.«

»Mir egal, Oma. Ich will einfach Katerstrophisch treffen. Das wird so toll. Ich frage mich, welche Hindernisse Mauzi diesmal überwinden muss. Wir müssen ganz früh da sein, dann können wir beim Aufbau zuschauen.« Katerstrophisch war Nicholas‹ Lieblingsstreamer und sein Auftritt vielleicht der einzige Grund, wieso er überhaupt zur Ausstellung wollte.

»Ganz ruhig, wir haben noch Zeit, bis die Show beginnt. Fangen wir doch einfach vorne an und gehen dann von Halle zu Halle.«

Nicholas starrte ins Leere und seine Finger flogen durch die Luft. Er tippte auf einer Tastatur, die nur er sehen konnte und mit der er die Smartglases auf seiner Nase steuerte. Yelena fiel es schwer, sich mit der neuen Technik anzufreunden. Sie verließ sich auf ihr Smartphone, denn sie hatte lieber etwas in der Hand.

»Am dichtesten dran ist Halle 4: Marsarchäologie«, verkündete Nicholas.

Yelena schmunzelte und zeigte auf eine Drohne, die über ihren Köpfen hinwegflog und ein Banner hinter sich herzog, das die Marsausstellung bewarb. »Das hätte ich dir auch verraten können.«

»Och, Oma.«

***

Mit einem breiten Lächeln zog Ralf an der Warteschlange vorbei. Der Ausstellerausweis brachte ihn direkt in die Weltausstellung und das Beste: ohne Taschenkontrolle. Im Regelfall wurden alle kontrolliert, doch bei den Ausstellern nahm man es nicht so genau. Etwas Höflichkeit und gespielte Eile ersparten ihm die lästige Prozedur.

Dabei wusste er nicht mal, welchem der etlichen Stände er zugewiesen war, und es interessierte ihn nicht im Geringsten. Er hatte nur ein Ziel und würde die Ausstellung erst verlassen, wenn es nicht mehr atmete.

Im Eingangsbereich war es warm, sodass die Schneeflocken auf seiner Kleidung schmolzen und das Wasser von dem intelligenten Material aufgesogen wurde. Seine bleiche Haut stand im starken Kontrast zu seinem schwarzen Anzug, der tadellos saß. Er rückte die Krawatte zurecht und ließ seine Schultern kreisen. Das Gewicht der Pistole an seiner Brust gab ihm Sicherheit. Er legte seine Hand über die Stelle und murmelte eine Reihe von Namen, so leise, dass ihn niemand verstehen konnte: »Erlon, Olaf, Marry, Susanne, die andere Susanne, der andere Erlon …«

Er wiederholte die Namen seiner bisherigen Opfer immer, kurz bevor er einen neuen der Liste hinzufügte, und stellte sich ihre Gesichter vor. Sie in seiner Erinnerung weiterleben zu lassen, war das Mindeste, das er tun konnte, um ihnen zu danken. Sie hatten ihn zu dem Mann geformt, der er war.

Der weitläufige Gang endete in einer großen Halle, deren lärmende Menschenmassen er bereits am Eingang gehört hatte. Die blinkenden Schilder und fliegenden Werbedrohnen mochten eindrucksvoll auf gewöhnliche Besucher wirken. Ralf scannte sie nur nach einem Wegweiser ab, der ihn zum Treffpunkt mit seinem Kontakt bringen würde.

Er tauchte in die Menschenmenge ein und holte sein Smartphone heraus. Seine Finger glitten über die Rückseite und ertasteten die Macken in der glatten Oberfläche.

Überrascht bemerkte er eine Nachricht seines Auftraggebers, Mister D. Sofort tippte er auf die Meldung und sein Bildschirm erstrahlte in einem grellen Weiß. Er schüttelte den Kopf. Wann würde er sich endlich ein neues Gerät kaufen?

»Meint ihr, ein Marswurm wäre würdig, Thors Hammer zu schwingen?«

Die Frage ließ Ralf aufschauen. Ihm kam eine Gruppe verkleideter Teenager entgegen und er hatte keine Ahnung, was sie darstellen sollten. Alle Jugendlichen lachten, außer die Person mit dem Hammer in der Hand.

»Mjölnir zu schwingen …«, rief sie. Dabei schwang die Waffe durch die Luft und traf Ralfs Hand.

Das Telefon flog zu Boden und wurde von einem Fuß weggetreten. Sofort sprang Ralf hinterher. Er musste wissen, was in der Nachricht stand. Alles andere könnte seinen Auftrag gefährden. Das würde er nicht zulassen.

Jemand kam ihm zuvor und hob es auf. In seinem Kopf erwuchs innerhalb von Sekunden eine Strategie, wie er die Person töten und unbemerkt verschwinden würde. Bevor er sie umsetzen konnte, streckte sie ihm sein Gerät entgegen.

Überrascht nahm er es an und bemerkte, dass es das Foto eines jungen Menschen im roten Shirt zeigte, der in die Kamera grinste. Er hatte schwarze Haut und kurz rasiertes Haar. Auch das Gesicht seines nächsten Opfers hatte sich bereits in Ralfs Gedächtnis gebrannt.

»Oh, sind Sie auch ein Fan?«, fragte die Person, die das Smartphone aufgehoben hatte und die er keines Blickes würdigte. Ohne zu antworten, trat er durch die Gruppe hindurch. Er schob das Bild hoch und bekam endlich die Nachricht zu Gesicht: »Planänderung. Zielperson ist beim Stand …« Etwas Kühles traf seine Brust und vor Schreck rutschte ihm das Gerät erneut aus der Hand.

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